Auszug: Rabbiner Dr. J. Merzbach über Unrechttaten, von Juden begangen

Im jüdischen Jahr 5692 (1930-1931), also knapp 3 Jahre vor Hitlers Machtergreifung, veröffentlichte der Vorstand der Rabbiner-Hirsch-Gesellschaft seine Monatsschrift für Judentum in Lehre und Tat. Inhalt dieser Monatsschrift war u.a. ein Artikel des Rabbiners Dr. J. Merzbach. Hier ein Auszug:

«Mit Entsetzen findet der jüdische Leser Deutschlands in den Tageszeitungen der letzten Monate ab und zu Berichte, je nach Einstellung des Blattes mehr oder weniger ausführlich, über Unrechttaten, von Juden begangen:

  • In Paderborn vergeht sich ein Jude an einer Hausangestellte und schafft auf grässlichste Art den Leichnam der Verstorbenen hinweg (So nach mildesten Darstellung.)
  • In Gelsenkirchen erschießt ein Jude einen anderen, dessen Söhne und zuletzt sich selbst. Als Grund wird Eifersucht angegeben.
  • In Heppenheim wird ein Jude wegen Sittlichkeitsverbrechen verhaftet.
  • In einer ganzen Reihe von Orten werden auch Juden der Devisenschiebungen überführt.
  • Depotunterschlagungen von Juden werden berichtet.

Es könnte die traurige Chronik noch durch eine ganze Zahl ähnlicher Fälle erweitert werden.

Mit stärkstem Nachdruck unterstreicht die judenfeindliche Presse solche Delikte, um an ihnen die Verworfenheit des Judentums zu demonstrieren: zum Teil führt sie sie sogar auf angeblichen Geheimlehren des Talmuds und Schulchan Oruch zurück, die jedem Juden – selbst dem, der sich taufen lässt – in Fleisch und Blut übergegangen seien und auf Grund deren er gar nicht mehr anders handeln könne.

Wie stellt sich der Jude, wie stellen sich die jüdischen Zeitungen (auch die orthodoxen) dazu?

Man weist entrüstet darauf hin, daß solche Vorkommnisse gleichermaßen bei Nichtjuden sich ereignen; daß man von der Schlechtigkeit einzelner Juden, die eben nur Ausnahmen G.s.D. [Gott sei Dank, Anm. d. Red.] sind, nicht auf die Qualität aller Juden schließen dürfe; daß solche Geschehnisse in schreiendstem Gegensatz zu den Lehren des Talmuds und Schulchan Oruch stehen.

Alle diesen Entgegnungen sind unbedingt richtig, aber sie genügen nicht. Der Judenfeind sieht nur die Tatsache: so handelt ein Jude. Und wir selbst, die wir in der Tat nach der jüdischen Auffassung in gewissem Grade mitverantwortlich für Taten eines jeden Juden sind, können und dürfen bei solchen Antworten nicht stehen bleiben. Uns selbst gegenüber hätten wir unsere Pflicht nicht erfüllt, und der zeitgenössischen Judenheit würden wir damit nicht zum Führer auf ihrem Golusweg [Weg durch die Jüdische Diaspora, Anm. d. Red.].»

(Quelle: NACHALATH ZWI Eine Monatschrift für Judentum in Lehre und Tat, herausgegeben vom Vorstand der Rabbiner-Hirsch-Gesellschaft 2. Jahrgang 5692 1931/32 S.278-284)

Für mich ist dieser Artikel des Rabbiners aus vielerlei Hinsicht aufschlussreich: Zum einen befand sich das deutsche Judentum speziell zur damaligen Zeit in einem Dilemma, das Muslime heutzutage in ähnlicher Form erfahren. Es gab eine wahrzunehmende und teils spezifische Kriminalität unter den damaligen Juden, ebenso wie es das heute leider auch unter uns Muslimen in Deutschland gibt. Diese spezifischen Fälle von Kriminalität wurden damals von der Presse gezielt aufgegriffen und dann von Judenfeinden zur Propaganda und Agitation genutzt.

Auch heutzutage spezifizieren deutsche Medien die Kriminalität die von Muslimen ausgeht, berichten über Ehrenmorde, Zwangsheiraten, kriminelle arabische Familienclans, sexuelle Belästigungen usw., und auch hier werden diese Berichte von bestimmten politischen Bewegungen, Parteien sowie islamfeindlichen Blogs, WhatsApp- und Facebook-Gruppen ausgeschlachtet und für ihre Propaganda missbraucht.

Zum anderen fällt mir aber auch der ungezwungene Umgang des Rabbiners mit den Begrifflichkeiten seiner Religion auf. Offen stellt er im weiteren Verlauf des Artikels (den man übrigens hier komplett nachlesen kann >>) die Thora, den Talmud und den Schulchon Oruch (Zusammenfassung der jüdischen Gesetze) als höchstes Gut und als einzig wahres Gesetz für die Judenheit dar. Wenn man gar die jüdisch-religiösen Termini durch islamisch-religiöse austauschen würde, dann fordert dieser Text eigentlich nichts anderes, als dass die Leute zu Quran und Sunnah zurückkehren sollen.

Aber (und dies halte ich für den prägnantesten Teil des Artikels) er weist die Verantwortung für die niedere sittliche Lage einiger Juden nicht von sich, sondern ermahnt seine Glaubensgenossen, den eigenen Nachwuchs wieder nach religiösen Werten zu erziehen und Missetäter innerhalb der jüdischen Gemeinde zur Verantwortung zu ziehen.

Geholfen hat es letztendlich nicht. Keine 3 Jahre später hatte Hitler mit seiner NSDAP bereits die Macht ergriffen und damit das größte Verbrechen der Menschheit an den Juden eingeläutet.

Wir wissen freilich alle, dass wir die wahren Islamhasser nicht von ihrem Hass befreien können, nur weil wir Verantwortung für die Missetaten einiger unserer Glaubensgenossen übernehmen oder durch Dawa die Kriminalitätsrate unter Muslimen positiv beeinflussen. Der wahre Islamhasser, wie der wahre Antisemit, hasst so oder so und sieht in spezifischen Medienberichten lediglich eine Bestätigung und ein Mittel zur Agitation.

Aber diejenigen, die die Islamhasser agitieren wollen, die nicht primär aus einem Islamhass heraus politisch handeln, sondern aus einer Angst heraus, die durch die Propaganda der Islamhasser erst angefacht wird, diejenigen können wir erreichen, indem wir ihre Ängste ernst nehmen oder zumindest Verständnis dafür aufbringen, dass Menschen allgemein Fremdem gegenüber einfach skeptischer und unaufgeschlossener sind. Denn wenn diese Menschen erleben, dass sie von uns als gesellschaftliches Feindbild aufgefasst werden, dann bestätigt sich damit nur die Propaganda der Islamhasser.

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Jens Yahya Ranft

Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

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