Gedicht: Heinrich Beitzke – König Hakeins Traum

Auf dem Dache des Alkazars,
Unter schatt’gen Palmenbäumen,
Pflegte Abends König Hakem
Gern im Ramadan zu säumen.

Hinter der Morena Gipfeln
Gleitet jetzt die Sonne nieder
Und ihr ausgegoß’nes Glutmeer
Strahlt an Iaens Bergen wider.

Auf die Wunderstadt Cordova
Sehnsuchtglühend, webt und breitet
Sie ein Netz von Gold und Purpur,
Eh‘ sie ganz von hinnen scheidet.

Aus dem duftigen Zauberschleier
Tauchen aufwärts tausend Zinnen
Und die Lilien der Aldschama
Werfen weit den Glanz von hinnen.

Von dem Thurme der Aldschama,
Der erhab’nen Kathedrale,
Rief der Imam zum Gebet aus
Bei dem letzten Abendstrahle:

„Es ist kein Gott außer Allah!
„Mohammed ist sein Prophete!
„Groß ist Allah! groß ist Allah!
„Auf zum Guten, zum Gebete!“

Der Chalif Al-Hakem hört es
Auf Alkazars naher Zinne,
Gläubig betet er zu Allah,
Daß er ew’ges Heil gewinne. —

Und das letzte Roth verglühet
Der Moschee erhab’ne Dächer,
Silbergrau mit Azur spiegelnd
Und die Mauern glänzen schwächer.

Aber drinnen in dem Dome
Will sich neu der Tag gebühren
Und fünftausend Lampen leuchten
Hell, dem Ramadan zu Ehren.

In dem Hochaltar der Kibla,
Die nach Mekka ist gerichtet,
Dampfen Aloe und Ambra,
In Gefäßen aufgeschichtet.

Und den Ramadan zu feiern,
Sind die neunzehn hohen Gänge
Der Aldschama dicht erfüllet
Von der Gläub’gen frommer Menge.

Von dem hohen Schloß Alkazar
Schaut Al-Hakem mit Entzücken
Die erhab’ne Pracht des Domes
Und er ruft mit trunknen Blicken:

Hat wohl je die hehre Sonne,
Rings, wo Allah’s Segen thauet,
Weit von Schiras bis Sevilla
Solch‘ erhab’nes Haus geschauet?

Von den Blüthen Andalusiens
Scheint sie ungern sich zu scheiden
Und Cordova’s Glanz und Schöne
Möchten Mond und Sonne neiden.

Doch allein zu Allah’s Ruhme
Und den Islam zu erhöhen
Ist dies Land geraubt den Christen,
Ist so herrliches geschehen.

Du allein, o Herr, bist Sieger
Und bei Dir ist Macht und Stärke,
Darum zu Dir Allah fleh‘ ich,
Schütze die vollbrachten Werke!

Seg’ne unsre scharfen Lanzen,
Daß wir jene frechen Christen
In dem nächt’gen Meer ersäufen,
Die die Gränzen uns verwüsten.

Sei mit unsern schnellen Reitern,
Die Ungläub’gen zu bezwingen,
Daß der Erde Völker alle
Einst das ew’ge Heil erringen. —

Der Chalif Al-Hakem ruft es
Und noch lang des Wunsch’s er denket,
Als ihm auf Alkazars Zinne
Sanft der Schlaf die Augen senket.

Und er schweift im Wahn des Traumes
Ueber Andalusiens Auen;
Doch sie sind so öd‘ und einsam
In der Sonne Strahl zu schauen.

Seine glanzerfüllten Städte
Liegen jämmerlich in Trümmern,
Und aus den Ruinen klingt es
Wie verlor’nes banges Wimmern.

In den Straßen von Sevilla
Keck die Christenritter gehen,
Von dem hohen Thurm Giralda
Stolz Castiliens Banner wehen.

Voll Entsetzen lenkt der König
Nach Cordova hin die Blicke:
Großer Allah, hilf den Gläub’gen!
Welch‘ ein traurig Mißgeschicke!

Das erhab’ne Schloß Azzähra
Lodert auf in hellen Flammen
Und die hohen Marmorsäulen
Stürzen mit Gekrach zusammen.

Hoch im Mittag steht die Sonne,
Doch kein Imam ruft vom Thurme,
Denn die Christenschaaren brechen
In Cordova ein im Sturme,

Drinnen in des Domes Hallen
Wimmeln sie im Flutgedränge,
Und im hohen Chor der Kibla
Weilt der Christenritter Menge.

In dem Heiligthum Maksura,
Wo von Silber prangt die Erde,
Und in allen neunzehn Gängen
Stampfen wild der Christen Pferds.

Von dem goldnen Pult der Mihrab
Reißt ein Priester, wuthgetrieben,
Ab den Koran, den einst Osman,
Der Chalife selbst geschrieben.

Auf dem Boden der Maksura
Treten sie ihn wild mit Füßen
Und die Blätter werden frevelnd
Aus dem heil’gen Buch gerissen. —

Zorn und Schmerz durchzuckt den König
Und den Schimpf zu rächen tracht’t er,
Ruft mit aller Kraft zum Kampfe
Und im grausen Drang erwacht er.

Allah Dank! es war ein Traum nur,
Doch zu schrecklich nur zu denken.
Allah schützet seine Treuen,
Allah wird es gnädig lenken. —

Ueber Jaens Bergen hob sich
Eben jetzt empor die Sonne
Und die reiche Stadt Cordova
Glänzt in neugeborner Wonne.

Und der Imam rief vom Thurme:
„Es ist kein Gott außer Allah!
„Ruhm und Ehre dem Propheten!
„Zum Gebet auf! groß ist Allah!“

Der Thurm der großen Moschee
zu Cordova endete mit einer großen
gold’nen sechsfachen Lilie,
die noch ein goldener Granatapfel krönte.

Heinrich Beitzke (1798-1867)
Deutscher Militärschriftsteller

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Jens Yahya Ranft

Über Jens Yahya Ranft

Jens Yahya Ranft, Jahrgang 1975, verheiratet, 3 Kinder, Geschäftsführer und Prokurist in einem kleinen deutsch-arabischen Unternehmen. Urheber dieses Blogs. Liest und publiziert vor allem in den Bereichen Staats- und Religionsgeschichte, (Sozio-)Ökonomie, politische Philosophie und Soziologie.

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